2010: LogIn-on-Tour - Exkursion ins Ruhrgebiet
Das Ruhrgebiet von Duisburg bis Dortmund war das Ziel der großen Exkursion "LogIn-on-Tour" 2010 vom 26. April bis zum 01. Mai. In den 6 Tagen besuchten wir 6 Unternehmen, die in der Supply Chain "Von der Kohle zur 'Kohle'" unterschiedliche Wertschöpfungsschritte verrichten. Zudem hörten wir einen Vortrag am Fraunhofer IML zu den Besonderheiten der Logistik im Healthcare-Bereich. Neben dem fachlichen Programm blieb genügend Zeit, um in die Kultur und das Nachtleben des Ruhrgebiets einzutauchen. Am Ende der Woche waren sich alle Teilnehmer einig, dass die Exkursion rundum gelungen war.

Montag. Es beginnt in Bonn. Bonn liegt nicht unbedingt im Ruhrgebiet, irgendwie aber auch wieder doch, von Bayern aus betrachtet, und wir müssen den Titel, die Klammer, ja auch nicht zu programmatisch nehmen. Wichtig ist doch, dass alles ein bisschen zusammenpasst. Und das hat es, nicht nur ein bisschen. Angefangen in Bonn, zu Gast bei der internen Beratung von Deutsche Post DHL, DHL Inhouse Consulting. Konzerneinbindung. Eigenständigkeit. Karrieremöglichkeiten. So der Anfang vom Anfang. Danach Projektexemplarik: Logistikbenchmark für Gesundheitsartikelhersteller, vom Speziellen ins Allgemeine und zurück. Fazit zum Schluss: nette, aufgeweckte Leute, diese Berater, der übliche Hunger nach jungen Talenten und die Aussicht auf Abwechslung, Geld und lange Büronächte.

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 Der Abend. Ankunft im Goalfever, Geruch nach indoor-kickenden Ruhrgebietlern, Ausgehen in Essen, genauer in Altenessen.

Dienstag. Zweiter Tag. Duisburg. Auf den Spuren der Stadt, gestern und heute. An Deck der Weißen Flotte, unter Deck, als die Sonne wegging, durch den Duisburger Hafen. Vorbei an der Ruhrmündung und, laut Ausflugsschiffskapitän, abstrakter Kunst, die einen glühenden Stahlstab darstellt. Weiter in den Landschaftspark Duisburg, etwas atemlos, wegen zu langer Mittagspause. Wir besichtigen Hochofen 5, eine der Kathedralen des Ruhrgebiets. Ein siebzig Meter hoher Stahlgigant auf dem furchtlose Arbeiter herumkletterten, noch bis 1985, ihm opfern gingen, Kraft, Gesundheit, Leben. Für die Region, für zigtausend Tonnen Stahl, der weißglühenden aus dem Ausstich strömte. Auch wir klettern herum auf dieser Wahnsinnsmaschine, die nicht angibt mit ihrer Größe, sondern effizient war damit. Wir gehen allerdings nicht opfern, wir genießen die Aussicht, was für ein Ort! Abends dann Fußball. Die Bayern schaffen es ins Champions-League-Finale. Freude. Aber gleich auch Enttäuschung, dass trotzdem nichts los ist, Dienstagabend in Altenessen.

Mittwoch. Je langweiliger die Stadt, desto ausgeschlafener der Morgen. Aber etwas anderes: Die Generatoren moderner Kohle-, Öl- und Atomkraftwerke drehen so schnell, dass der Rotor im Inneren durch spezielle Stahlkappen an den Enden gesichert werden muss, gegen das schiere Auseinanderfliegen. Extrem hohe Anforderungen an das Material, so hoch, dass sie nur von vier Unternehmen weltweit beherrscht werden. Eine davon, der Marktführer, die Energietechnik Essen GmbH, unsere erste Station an diesem Morgen. In Bildern: blitzende Stahlzylinder, rostbraune, silbrige Stahlspahnknäuele, schmieriger Boden, dreckige Schuhsohlen und die Wucht und Gewalt, wenn Material und Maschinen aneinander geraten.

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Die Frage nach der Energie, die all das antreibt, bleibt nicht lange im Raum. Auf nach Paffendorf bei Bergheim bei Köln zu RWE Power. Monströsität auch heute noch. In einem 70 Meter hohen Kessel macht ein gigantischer Braunkohlefeuerball unaufhörlich Dampf und treibt eine 1000 Megawatt Turbine an. Die Stahlkappen im Inneren, an denen gerade unser Leben hängt, können wir uns gut vorstellen. Über dem Kessel, über dem Kontrollraum, über der Turbine, auf dem Dach: herausragende Aussicht. Nach Köln. Auch nach Düsseldorf. Und dann sind wir endgültig bei der Kohle angelangt, der Titelgebenden, bei der einen Sorte jedenfalls. Tagebau Hambach, Gigantismus auch hier. Riesige Schaufeln tragen unaufhörlich Material ab und gegenüber, viele hundert Meter weit weg, wird alles wieder zugeschüttet, nur die Kohle, von ganz unten, geht einen anderen Weg. Die Schaufelradbagger sind rund 100 Meter hoch und bis zu 200 Meter lang, in diesem riesigen Loch sehen sie wie Spielzeug aus.Nach so viel Größe lockt Bier aus kleinen Gläsern. Auf nach Köln! In der milden Abendsonne gibt es keinen Zweifel mehr, jetzt ist sie da, die Biergartensaison. Bier und Bänke und Sonne, aber noch nicht genug, die Stimmung noch halten, zurück nach Essen, die Stimmung halten, ein neuer Versuch. Mit U-Bahn und Taxi zur Brinkhoff's und Stauder. Ab ein Uhr bleibt nur noch eine einzige Möglichkeit: Club David, ein Schwulenclub, wie der Name schon sagt. Die Musik ist von gestern, wir die einzigen Gäste.  Mann Essen! Was ist nur aus dir geworden? 

Donnerstag. Je stiller die Nacht, desto frischer der Morgen. Schon der vierte Tag. Die Zeit vergeht schnell in einer Zeit, in der die Zeit schnell vergeht. Das ist weniger tautologisch als es scheint. Wir denken aber nicht darüber nach und fahren lieber zu Fraunhofer, Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund. Spielwiese, möchte man meinen, für aufregende moderne Technologie. Paletten und Verpackungsmaterial im Dauertest. Automatische Regalentnahme: Pappkarton, Fußball und Getreidesack, alles kein Problem. Behälter mit eigenem Bewusstsein, könnte man sagen, und bereichsautonome Förderbandtechnik. Forschung, angewandt, leicht und selbstverständlich. Mittags endlich Pommesbude! Dann wird es wieder laut und schmutzig. Interseroh, Recylingspezialist, oder, sagen wir es offen, Schrottverwerter im Dortmunder Hafen. Beeindruckend einmal mehr die Bewegung der  Materialmassen. Das Geschäft: Sammeln, Trennen, Handlichmachen und Verschicken. Wir sehen alles.  Die Anlieferung an der Strahlungsschleuse, Radioaktivität muss ausgeschlossen werden. Jeder Fahrer, so scheint es, ein Bekannter.

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 Ein Stück weiter zerreißt der 2000-PS-Schredder ein Autowrack in Sekunden. Für uns zu lösen: ein Chargensequenzproblem mit Rüst- und Reinigungskosten und einer Verschmutzungsrestriktion. Dann ein Zwischenfall. Eine LKW-Ladung enthält zu wenig Schrottanteil. In der Tat: haufenweise Gummischläuche. Kurze Prüfung. Dann: Alles wieder aufladen, die Fuhre geht zurück. Ein Flussschiff liegt ein paar Schritte weiter, der Tiefgang verrät, wie viel es geladen hat. Noch eine Baggerkralle voll, und dann auf ins Stahlwerk zum Einschmelzen und Beimischen. Den Abend verbringen wir in Dortmund. Hannelore Kraft macht Landeswahlkampf auf dem Marktplatz. Die SPD hat mich ein Leben lang gequält, klagt einer, im Vorübergehen. Ansonsten Brauhaus, Cocktails und Bier in der Fußgängerzone und Elektrobeats im Club Purple. Auch der macht zeitig zu und wir einen Abstecher ins Dortmunder Klinikum, jedenfalls ein Auto von zwei. Gelbes Licht und verlassene Gänge. Stille, plötzlich. Aber, keine Sorge, alles wieder gut inzwischen.

Freitag. Der letzte Tag beginnt mit einer langen Autofahrt. Zu arvato services nach Harsewinkel in der Nähe von, na ja, eigentlich in der Nähe von gar nichts, aber dann doch wieder Gütersloh und Bielefeld. Gelegenheit, die lange Autofahrt, danke zu sagen, den Organisatoren, den Firmen, die sich ohne Ausnahme äußerst viel Mühe gegeben haben und bemerkenswert offen zu uns waren. Danke, ein bisschen leiser vielleicht, auch an uns selber, an alle, die dabei waren.Aber nun zu arvato, nach der langen Autofahrt, die in Harsewinkel Distributionslösungen anbieten, für Produzenten und Händler, die das Versandgeschäft nicht selber abwickeln wollen. Wir schauen uns den Pharmabereich an. Hochregallager und angewandte Packprobleme in der Kommissionierzone. Alles ist klar, übersichtlich, unter Kontrolle, von der Wareneingangsrampe bis zum Versand.Dann die Rückfahrt, auf zum letzten Abend in Essen, zur letzten Nacht. Gelegenheit, zurückzublicken, oder die Augen zufallen zu lassen, oder sich, im Falle der Fahrer, auf die Straße zu konzentrieren. Letztes Abendessen in Essen, solche Sprachalbernheiten seien gestattet nach all der Zeit, und ab in die Mainacht. Es wir spät, es wird später, es endet in der labyrinthischen Vielgestalt einer ruhrpotttypischen Großdiskothek. Feiern und Tanzen bis der Morgen graut, bis zur Abfahrt zurück nach Ingolstadt. Bravo, Essen, geht doch! 

Thomas Wensing